Fly like an Eagle – SRAM Eagle X01 Schaltgruppe im Test

Kaum ein Produkt sorgte vergangenes Jahr für derartigen Wirbel auf dem Markt wie die neue Eagle-Schaltgruppe von SRAM. An dieser Stelle verzichte ich auf pseudo spannungsbogen-aufbauende Sätze wie „Was kann sie wirklich?“ oder „hält die sie was sie verspricht?“. Stattdessen will ich eines gleich vorweg nehmen: Die Eagle ist genial! Was ist die Schaltgruppe mit dem Adler so stark macht:

Wozu brauche ich mehrere Kettenblätter, wenn ich doch mit einer größeren Ritzelbandbreite auch so die nötige Übersetzung abdecken kann? Diese Frage wird sich wohl schon jeder Biker gestellt haben, der auf dem Trail den Überblick über seine Gänge verloren hat oder zum x-ten mal den Umwerfer neu nachjustieren musste. Das dieses System keine Zukunft hat, war SRAM schon schon lange klar und löste so durch stetige Produktinnovationen nach und nach den klassischen Mehrfachantrieb ab. Die neue Eagle kommt mit einer Übersetzung von 500% daher und räumt damit auch die letzten Kritikpunkte einer zu strammen Übersetzung mit großen Sprüngen zwischen den einzelnen Gängen aus. Das macht nicht nur das Leben eines jeden Bikers um ein vielfaches einfacher, sondern erweitert die Möglichkeiten der eh schon extrem vielseitigen Bikes enorm. So findet sich mittlerweile an nahezu allen Peak-Performance-Boliden die Schaltgruppe mit dem Adler wieder.

SRAM Eagle X01 im Detail

Hat man ein Rad mit montierter Eagle vor sich stehen, kann es schon mal passieren, dass die Schaltgruppe dem Bike die Show stiehlt. Wohin das Auge auch Blickt: Die Eagle ist vom Schalthebel bis zum Schaltröllchen feinste Ingenieurskunst und das Produkt langjähriger Erfahrung und Forschung. So wurde beispielsweise unter Mithilfe einer High-Speed-Kamera die Verzahnung zwischen Kette und Blatt penibel analysiert und durch ein komplett überarbeitetes Zahnprofil optimiert. Die deutlich kantigeren Zähne sollen so die Haltbarkeit um ein vierfaches verlängern, das Lösen der Kette aus dem Zahn geschmeidiger halten und sich ganz nebenbei noch selbst von Dreck befreien. Das Pendant dazu bildet die ebenfalls komplett überarbeitete Kette mit abgerundeten Innenlaschen und glatteren Bolzen.

Bei genauerer Betrachtung fällt das markante Zahnprofil auf.

Läuft wie geschmiert – Kette und Kettenblatt wurden perfekt aufeinander abgestimmt.

Der eigentliche Eyecatcher befindet sich aber am Hinterrad. Die mit bis zu 50 Zähnen bestückte X-DOME-Kassette ist ein aus drei Teilen gefrästes Meisterwerk und lässt dank der enormen Bandbreite den Umwerfer endgültig vergessen. Um die Kette auf den verschiedenen Ritzeln wandern zu lassen bedarf es natürlich auch ein Schaltwerk abseits des bisher bekannten Standards. Das untere Schaltröllchen ist dafür mit 14 Zähnen deutlich größer geworden, die Stärke des Kugellagers konnte somit um bis zu 20 % Erhöht werden. Das sorgt zum einen für eine höhere Kettenspannung, zum anderen für noch präziseres Schalten. Trotz der größeren Dimensionen konnte das Gewicht der Kassette auf lediglich 355 Gramm gehalten werden. Dank vieler Leichtbauteile kommt die Gruppe in der X01-Version so auf ein beachtliches Gesamtgewicht von etwa 1500 Gramm.

Weitere Infos findet ihr in diesem Bericht.

Die Eagle ist ein technisches Meisterwerk und ein echter Augenschmaus.

Interessante Einblicke in die die Entwicklungsgeschichte der Schaltgruppe gibt es in diesem Video.

Auf dem Trail

Ohne ein Ingenieurstudium absolviert zu haben, kann ich mir in etwa vorstellen, dass das Konzipieren einer Schaltgruppe mit komplett neu definierten Maßen und die daraus resultierenden Kräfte auf Kette und Schaltwerk kein Beiläufer gewesen sein muss. Bisher waren alle SRAM-Schaltungen, die ich bis jetzt gefahren bin, eine sichere Bank und ließen keinen Grund zur Beanstandung. Umso größer war also meine Erwartungshaltung an die Eagle. Das Marketing und die überwältigende Berichterstattung taten ihr übriges. Nach der Montage an mein EVIL The Wreckoning konnte es also endlich losgehen und die ersten Meter auf den Schwingen des Adlers genommen werden. Zunächst lässt sich kein gravierender Unterschied zu den anderen Schaltgruppen erkennen. Erst einmal richtig eingestellt, springt die Kette blitzschnell mit klar definiertem Drücken auf die Schalthebel knackig über die Ritzel. Auch bei schnellerem Wechseln der Gänge kommt der Antrieb nicht ins Straucheln. Welchen Vorteil die Eagle gegenüber den 11-fach Übersetzungen hat, wird vor allem an fiesen Steigungen deutlich. Gerade wenn man darüber staunt, wie gediegen es sich mit dem aktuellen Gang in steilem Gelände pedalieren lässt, schafft ein Blick auf die Kassette Gewissheit: Das Ende der Fahnenstange ist noch gar nicht erreicht! Gefürchtete Uphills und ausgedehnte Touren mit ordentlich Höhenmeter verlieren so ihren Schrecken. Während des Betriebs macht sich der Antrieb in keinster Weise bemerkbar. Kein Rattern, kein Knarzen, kein Knacken. Der komplette Antrieb arbeitet dank des perfekten Zusammenspiels zwischen den Zähnen und der Kettenglieder unglaublich leise und sauber.

Auch bei ruppigsten Abfahrten hat die Schaltgruppe die Ruhe weg.

Wird es auf den Trails ruppiger, ist von einer Schaltgruppe hauptsächlich Standfestigkeit und Stabilität gefragt. Erschütterungen durch den Untergrund können sogenannte „Ghost Shifts“ – also ungewollte Schaltvorgänge – auslösen oder die Kette von der Kassette befördern. Dem wirkt SRAM mit der Roller Bearing Clutch-und X-Horizon- Technologie entgegen, die mich bereits bei der Einsteigergruppe GX begeisterten. Gerade mit der höheren Kettenspannung kann die Kette aber auch gar nichts aus der Ruhe bringen, sodass man voll und ganz die Abfahrt genießen kann. Trotzdem sollten dabei die deutlich größeren Maße des Schaltwerks im Hinterkopf behalten werden, das auf dem kleinsten Ritzel bedrohlich weit nach unten wandert und dadurch Gefahr läuft, mit Steinen in Kontakt zu kommen.

 

Fazit

Der Adler als Namensträger der neuen Schaltgruppe vermittelt Freiheit. Freiheit, die einem mit der Eagle durch die gigantische Übersetzung gegeben wird damit und völlig neue Möglichkeiten eröffnet. Dank hervorragender Verarbeitung und ausgeklügelter Technik liefert sie präzise Schaltvorgänge bei nahezu geräuschlosem Betrieb. Ein echter Meilenstein!

 

Autor: Pascal Fessler

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